Die Dramaturgie in der Psychodramaturgie1

Bernard Dufeu

Jahrgang XIV, Ausgabe 1, 2020, doi:10.33178/scenario.14.1.5
© 2020, The Author(s). This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.

Zusammenfassung

Zuerst wird die Grundorientierung der Psychodramaturgie Linguistique (PDL, auf deutsch Sprachpsychodramaturgie2) in Abgrenzung zum traditionell-lehrwerkzentrierten Unterricht beschrieben. Dann wird die Bedeutung des Begriffs „Dramaturgie“ in „Psychodramaturgie“ präzisiert und die Hauptelemente der Dramaturgie in der PDL werden ausgeführt. Anschließend wird exemplarisch der Verlauf einer psychodramaturgischen Kurseinheit dargestellt, um an zwei konkreten Beispielen (einer Projektionsübung und einer Aktivität zu einem literarischen Text) den dramaturgischen Ansatz der PDL zu illustrieren. Schließlich werden die Elemente der PDL, die den Spracherwerb fördern, und die Grenzen der PDL aufgeführt.

Contents

  1. Einleitung
  2. Von der Expression Spontanée zur Psychodramaturgie
  3. Grundorientierung der PDL
  4. Die dramaturgische Dimension der PDL
  5. Der praktische Zugang zur Fremdsprache in der PDL
  6. Die Merkmale der psychodramaturgischen Praxis für den Fremdsprachenerwerb
  7. Welche Elemente der PDL fördern den Spracherwerb?
  8. Voraussetzungen und Grenzen der PDL
  9. Offener Schluss

1. Einleitung

Die Psychodramaturgie ist ein Ansatz zum Fremdspracherwerb, der von Marie und Bernard Dufeu seit 1977 entwickelt wird. Ihr Name verweist auf ihre zwei spezifischen Hauptquellen: das Psychodrama und die Dramaturgie. Es wird in der PDL aber weder Therapie3 angeboten noch Theater gespielt.

Die Psychodramaturgie hat Berührungspunkte mit dem Theater bzw. mit der Schauspielausbildung:

Der dramaturgische Anteil der PDL liegt aber vor allem in der Berücksichtigung von dramaturgischen Prinzipien, die dem Aufbau von Übungen und der Auswahl von Texten zugrunde liegen. Das wird Gegenstand dieses Beitrages sein.

2. Von der Expression Spontanée zur Psychodramaturgie

2.1. Das ursprüngliche Experiment

Vom 18. bis zum 30. Juli 1977 fand an der Mainzer Universität ein Intensivkurs in Französisch mit der Expression Spontanée (E.S.) unter der Leitung von Willy Urbain statt. Dieses Experiment war Ausgangspunkt der Entwicklung der Psychodramaturgie.

Willy Urbain war Ausbilder von Schauspieler*innen in Paris und arbeitete außerdem mithilfe eines SUVAGLINGUAs (Filtergerät von Frequenzen) im Bereich der Stimmbildung, insbesondere mit Schauspieler*innen und Anwält*innen, die Stimmprobleme hatten (Urbain 1975). Angeregt durch die Lektüre der Hauptwerke von J. L. Moreno, dem Begründer des Psychodramas, hatte er das Doppeln und den Spiegel auf die Schauspielerausbildung übertragen, um die Ausdrucksfähigkeit der Schauspieler zu fördern. Er wurde eines Tages gefragt, ob er Verfahren, die er in der Schauspielerausbildung einsetzte, auf den Fremdsprachenbereich übertragen könne, so entstand nach und nach die „Expression Spontanée“.

1975 machte er im Rahmen des CREDIF (Forschungszentrum zur Verbreitung der französischen Sprache) in Paris ein Experiment über 120 Stunden mit ausländischen Anfänger*innen mit Vorkenntnissen.5 1977 fand das zweite Experiment in Mainz mit zwölf Student*innen statt. Der Kurs war für Anfänger*innen ausgeschrieben worden, fast die Hälfte der Gruppe bestand aus echten Anfänger*innen, die anderen waren Anfänger*innen mit Vorkenntnissen, die Französisch in der Schule gehabt hatten.

Willy Urbain hatte den Vorteil, dass er kein Sprachlehrer war,6 und nicht durch die damaligen methodologischen Selbstverständlichkeiten des Berufs (u.a. Auswahl der Inhalte, sprachliche Progression…) vorgeprägt bzw. eingeschränkt war. Er konnte sein Projekt mit anderen Voraussetzungen entfalten und durchführen.

Der Verlauf und die Ergebnisse waren kontrastreich. Einerseits verließen zwei Studenten den Kurs am Ende der ersten Woche und zwei ergriffen die „innere Flucht“; andererseits gab es bei einigen Teilnehmer*innen spracherwerbsfördernde7 Entwicklungen, die uns erstaunten und uns dazu führten, die Arbeit fortzuführen.

2.2. Was konnten wir aus diesem Experiment lernen und übernehmen?

Ohne dieses Experiment und die Grundlagen, die uns Urbain damals geliefert hat, wäre die Psychodramaturgie nicht entstanden.

2.3. Was wurde geändert bzw. weiterentwickelt?

Die Arbeitsbedingungen

Die technische und methodologische Entwicklung

Die Doppel- und Spiegeltechniken stammen aus dem therapeutischen Bereich. Es war uns wichtig, eine klare Trennung zwischen dem therapeutischen und dem pädagogischen Bereich vorzunehmen.8

Der Entwicklungsprozess wird fortgeführt.

3. Grundorientierung der PDL

3.1. Der Anwendungsbereich der PDL

Die PDL entfaltet am besten ihr Potenzial als Gesamtansatz in Intensivkursen (Wochenenden oder Wochen). Sie wird aber auch in extensiven Kursen eingesetzt. Ihre Anwendungsbreite reicht vom Anfänger- bis zum Fortgeschrittenenniveau.

Ursprünglich für Erwachsene und Gruppen entwickelt, werden die Techniken und Verfahren der PDL seit längerer Zeit auch für Kinder und Jugendliche und vermehrt auch im Einzelunterricht eingesetzt.9

Bis auf die Doppel- und Spiegelübungen der ersten Tage und die dazu gehörenden Techniken, die eine besondere Ausbildung erfordern, sind die PDL-Aktivitäten auch einzeln in anderen Kontexten, insbesondere bei der Arbeit mit Lehrwerken, einsetzbar, um die Sprache teilnehmer- und gruppenorientiert10 zu vermitteln. Während die Übungen der ersten Tage vorzugsweise in kleinen Gruppen durchgeführt werden (die optimale Gruppengröße liegt dann bis zu 12 TN), sind die Übungen, die in der PDL zur „Gruppendramaturgie“ gehören, auch für größere Gruppen gut geeignet.

3.2. Von einer Pädagogik des Habens zu einer Pädagogik des Seins

Wir unterscheiden im Bereich der Pädagogik zwei Hauptrichtungen: einerseits eine Pädagogik des Habens, die sich vorwiegend auf die Vermittlung sprachlicher und interkultureller Inhalte konzentriert und zielgerichtet ist, und andererseits eine Pädagogik des Seins, die teilnehmer- und gruppenorientiert ist, d.h. konsequent subjektbezogen und prozessgerichtet, und dadurch eine Pädagogik des Weges darstellt.

Le langage n'est jamais innocent.
Die Sprache ist niemals unschuldig.
Roland Barthes: Le degré zéro de l'écriture, 1953.

In einer Pädagogik des Habens werden die sprachlichen Inhalte meistens im Rahmen eines Lehrwerkes im Voraus und von außen (durch Kulturbeamte, Verlagslektoren, Lehrwerksautoren) fremdbestimmt. Dies führt zu einer doppelten Verfremdung für die TN: Es sind nicht ihre Wörter, die sie im Unterricht verwenden, da es nicht ihre Muttersprache ist (erste Verfremdung) und es sind auch nicht ihre Worte. Sie sollen nämlich über Inhalte sprechen, die sie nicht unbedingt ansprechen bzw. die nicht ihrem Ausdruckswunsch entsprechen (zweite Verfremdung). Die sprachlichen Inhalte haben für sie keinen oder einen geringen Bezug und damit keine persönliche Bedeutung; sie müssen abstrakt gelernt werden. Diese doppelte Verfremdung erschwert eine echte Kommunikation zwischen den TN, reduziert ihr Interesse, ihre Aufnahmebereitschaft und ihre Motivation, schränkt die Konzentration und das Behalten von Erlerntem ein und bremst den Erwerbs- bzw. Lernprozess insgesamt. Diese Unterrichtsform hat einen elitären Charakter, denn aufgrund der besonderen Hervorhebung des Intellekts im Lernprozess ist sie vor allem für Teilnehmer*innen gedacht, die u.a. über ein gutes konzeptuelles Gedächtnis verfügen und sich abstrakte Inhalte leicht aneignen können.

Die Sprache ist das Haus des Seins.
In ihrer Behausung wohnt der Mensch.
Martin Heidegger: Brief über den Humanismus, 1947.

Die PDL stellt einen der Wege dar,11 die zur Entwicklung einer Pädagogik des Seins beitragen. Die Sprache wird in Situation, in Relation und in Aktion erfahren und erlebt, statt vorwiegend gelernt zu werden. Denn der Sprachunterricht ist nicht irgendein Fach, das auf das Vermitteln eines Wissens und seines Gebrauchs reduziert werden kann. Die Sprache hat einen großen Einfluss auf unsere physische, affektive, intellektuelle, soziale und spirituelle12 Entwicklung.13 Der Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts ist kein unschuldiger Stoff, denn die Sprache ist ein Träger von Bedeutungen, sie spricht uns innerlich an.

Genauso wie das Tanzen sich nicht auf das Wissen von Schritten reduziert, sondern die ganze Person einbezieht, beschränkt sich der Fremdsprachenerwerb nicht auf die intellektuelle Aktivität von Neuronen, sondern spricht die TN in ihrer Gesamtheit an. Der Körper wird mit seinem Ausdruckspotential mit einbezogen, die räumliche Dimension und die proxemischen Parameter gewinnen an Bedeutung in der Kommunikation.14 Die Affektivität begleitet den Erwerbsprozess umso mehr, als es sich um den eigenen Ausdruck der TN handelt, da sie sich als Personen und nicht als Lernende ausdrücken und als Personen angesprochen werden. Der Intellekt begleitet den Erwerbsprozess fortwährend. Die soziale und die spirituelle Dimension werden durch die Begegnung der TN auf der realen und imaginären Ebene in den vorgeschlagenen Aktivitäten angesprochen.

Dies bedeutet auch, dass wir anstreben, nicht nur die Oberflächenziele der Inhaltsebene (Aussprache, Lexik, Syntax, interkulturelles Wissen) zu entwickeln, sondern auch die Tiefenziele auf der Verhaltensebene (Haltungen, Einstellungen, Verhaltensweisen, Fähigkeiten und Fertigkeiten), die den Spracherwerb und die Lernprozesse fördern. So wird das Haben in der PDL dem Sein untergeordnet.

Die folgende Abbildung illustriert diese doppelte Ebene des Fremdsprachenerwerbs:

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Abb. 1: Die doppelte Ebene des Fremdsprachenerwerbs

Der Erwerb der Fremdsprache ermöglicht es dann, in einem geschützten Rahmen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erweitern oder zu vertiefen ( Präsenz, Einfühlung, Spontaneität, Kreativität, gelassene Konzentration…), neue Verhaltensmuster auszuprobieren und eigene Grenzen zu erkunden bzw. zu verschieben. Er trägt zugleich zur Erweiterung der Persönlichkeit und zur Gesamtentwicklung der TN bei.

4. Die dramaturgische Dimension der PDL

Wie wir am Anfang dieses Beitrags erwähnt haben, wird der Begriff „Dramaturgie“ in der PDL nicht im theatralischen, sondern im strukturellen Sinne verstanden, wie wenn man z.B. von der „Dramaturgie eines Romans“ spricht, d.h. vom Aufbau, von der Struktur, vom Gerüst einer Handlung. Dies spiegelt sich in diversen Merkmalen der PDL wider.

4.1. Das Handlungskonzept

Drama heißt „Handlung“. Wir orientieren uns hier an dem Handlungskonzept von Moreno, dem Gründer des Psychodramas, der statt seine Patient*innen zu bitten, über ihre Probleme zu sprechen, ihnen vorschlug, sie darzustellen. 

In der PDL wird die Sprache durch Erleben statt durch Lernen erworben. Dies bedeutet, dass die Sprache nicht als Objekt des Unterrichts betrachtet wird, sondern als Mittel zur Aktion und Interaktion.

In der individuellen Einstiegsphase der ersten Tage und in den ersten Zweierbegegnungen der weiteren Tage geht die Kommunikation vorwiegend von verbalen Impulsen der Teilnehmer*innen aus, die durch bestimmte Techniken (Doppeln, Spiegel, Rollenwechsel…) unterstützt werden. In der Gruppendramaturgie wird eine Vielfalt von Aktivitäten eingesetzt. Die Sprachproduktion wird durch verschiedene Auslöser angeregt und entwickelt:

Die Sprache findet in der Begegnung und in der Kommunikation zwischen den TN statt. Sie ist personenorientiert und dadurch bewahrt sie ihre Lebendigkeit.

4.2. Das Prinzip der Resonanz

Ein rein informativer Text, zum Beispiel „Das Wetter in der Schweiz“,15 wird ein geringes Interesse bei den TN wecken. Die Erschließung dieser Art von Text führt meistens zu Fragen des Lehrers über seinen Inhalt, also zu einer Frage-Antwort-Kommunikation, deren Antworten im Text zu finden sind und hauptsächlich einer Verständniskontrolle dienen. Die Kommunikation ist vorwiegend hierarchischer Natur, der „Wissende“ fragt den „Lernenden“ über Inhalte, die der erste schon kennt. Der danach vorgeschlagene „Transfer“ in den eigenen Bereich: „Wie ist das Wetter in Ihrem Heimatsland/Lieblingsland?“ kann man nicht als sehr „ansprechend“ betrachten. Dies ist Grund genug, um Texte und Themen nach anderen Grundsätzen auszuwählen.

Das Prinzip der Resonanz findet man schon im griechischen Theater der Antike; dieses behandelte insbesondere gesellschaftliche und menschliche Themen, die die Zuschauer*innen direkt oder symbolisch ansprachen. Das bedeutet, dass, damit die Handlung beim Publikum ankommt, eine Identifikation bzw. ein Reaktionswunsch potentiell vorhanden sein muss.

In der PDL suchen wir ein Dokument (Text, Bild…) nicht aufgrund seiner Lexik bzw. seiner sprachlichen Strukturen aus, sondern aufgrund seines direkten bzw. symbolischen Resonanzpotenzials für die TN. Bevor wir uns für einen Text oder für ein Bild entscheiden, analysieren wir die Themen, die offensichtlich sind oder unterschwellig mitschwingen, so dass sich die TN angesprochen fühlen, d.h. eine innere Resonanz empfinden können, um den Wunsch zu spüren, auf das Dokument zu reagieren (siehe unten 5.3).

4.3. Das Prinzip der dramaturgischen Kräfte

Wir beziehen uns hier vorwiegend auf das Werk von Emile Souriau: Les deux cent mille situations dramatiques (1950).16 Die Handlung einer dramatischen Situation wird durch die Dynamik von Kräften oder Funktionen getragen.

Von den sechs Kräften, die Souriau zur Analyse von Dramen vorschlägt, scheinen uns drei besonders wichtig. Wir haben zu diesen Kräften eine Terminologie entwickelt, die dem pädagogischen Kontext besser angepasst ist: Der Wunsch (entspricht bei Souriau der Force thématique orientée), die Opposition (L’Opposant), die Unterstützung (La Rescousse). Diese Kräfte sind nicht an eine Gestalt gebunden, sondern sie können im dramatischen Verlauf auf andere Gestalten übergehen oder durch andere ersetzt werden. Aus dem Ungleichgewicht der Verteilung der Kräfte oder aus der Verschiebung bzw. aus dem Verschwinden einer Kraft entsteht die Dynamik einer Situation. Zur Illustration des Spiels der dramaturgischen Kräfte versetzen wir uns kurz in eine klassische dramaturgische Situation, um die dramaturgischen Prinzipien, die der PDL zugrunde liegen, besser zu begreifen.

Ein Mädchen liebt einen Jungen, der sie auch liebt, die Eltern sind beiderseits mit der Ehe einverstanden. Es ist zwar eine wunderbare Situation, dramaturgisch gesehen aber ist diese Situation flach, denn alle Kräfte gehen in die gleiche Richtung.

Nehmen wir aber an, der Vater des Mädchens möchte, dass seine Tochter nicht den Jungen, sondern einen reichen Greis heiratet, dann wird sich eine dramaturgische Handlung entwickeln, in der sich zwei Hauptkräfte gegenüber stehen: eine zielgerichtete Kraft (Wunsch), eine entgegengesetzte Kraft (Opposition) und möglicherweise auf jeder Seite unterstützende Kräfte (Unterstützung durch andere Figuren).

Damit haben wir es nicht nur mit einem Stück von Molière, „L’Avare“ (Der Geizige), zu tun, sondern auch mit den Grundlagen einer dramaturgischen Handlung. Im Spracherwerbskontext wird der Wunsch sich auszudrücken durch das Zusammentreffen dieser Kräfte gefördert.

Nehmen wir jetzt ein konkretes Beispiel, um den Einsatz bzw. die Berücksichtigung dieser Kräfte zu illustrieren. In der PDL gibt es eine Übung, die Die Polarität heißt.17 Hier eine kurze Skizzierung der Übung:

Nach einer Aufwärmübung der Gesamtgruppe, bei der die TN mit ausschließlich vier Begriffen, nämlich „Ja, Nein, Ich, Du“, kurze Dialoge entstehen lassen,18 begegnen sich zwei Protagonisten in einem Dialog, der zuerst nur aus „Ja“ und „Nein“ besteht. In einem zweiten Anlauf kann einer der Protagonisten nach einigen „Ja“ oder „Nein“, je nach gewählter Intonation oder Stimmung, sein Ja oder Nein durch eine verbale Äußerung ersetzen, die ihm spontan einfällt. Der andere Protagonist reagiert dann auf diese Aussage und ein Dialog entsteht zwischen den beiden. Beide werden in dieser verbalen Phase von anderen TN und von dem/der Trainer*in19 unterstützt. Die Situation kann wie folgt dargestellt werden:

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Abb. 2: Dramaturgische Kräfte – Begegnung von zwei Kräften

Es geht nicht darum, dass der Protagonist, der „Ja“ gesagt hat, automatisch eine positive Aussage macht oder dass der „Nein-Sager“ das Gegenteil sagt, sondern nur darum, durch diese Aufwärmung Kräfte in Gang zu setzen, die dann ihren Lauf nehmen.

Wenn eine oder zwei Begegnungen nach diesem Schema stattgefunden haben, entscheiden die neuen Protagonisten vor dem Anfang ihrer Sequenz zwei „Polaritäten“, die ihnen einfallen, z. B. „Sonne und Mond“ oder „groß und klein“, „stark und schwach“, „Lamm und Wolf“ usw.

In späteren Aktivitäten kommen wir zu nuancierteren Oppositionen, die nicht mehr auf dem antagonistischen Prinzip der Polarität beruhen, sondern die von der Differenz geprägt sind (siehe das Beispiel „Die Kissen“ weiter unten).

In einigen Übungen lassen wir eine dritte Kraft zwischen den Kräften der Polarität oder der Differenz wirken, die Mediation (bei Souriau: l’Arbitre attributeur du bien). Manchmal erscheint diese dritte Kraft im Ausgangssetting, z.B. in einer Übung, die „Die Dolmetscher“ heißt, oder sie erscheint nach einer ersten Begegnung zwischen zwei Protagonisten in einem zweiten „Akt“, um dazu beizutragen, eine Lösung zu einem bestehenden Problem zu finden oder eine Entscheidung zu treffen. Wir haben dann folgende Konstellation:

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Abb. 3: Dramaturgische Kräfte – die dritte Kraft

Die Präsenz dieser Kräfte wird beim Aufbau von Übungen ebenso wie bei der Auswahl von Texten berücksichtigt. Wenn wir einen Text oder ein Bild verwenden, dann können sich diese Kräfte innerhalb des Dokuments befinden (siehe oben das Beispiel von Molière) oder das Dokument beinhaltet eine Kraft und der Leser, der mit dem Inhalt nicht einverstanden ist (Opposition) bzw. eine abweichende Meinung hat (Differenz), bildet eine entgegengesetzte Kraft.

Wir werden diese dramaturgischen Aspekte anhand von einer Projektionsübung (die Kissen, siehe unter 5.1.) und anhand eines literarischen Textes („Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ von André Gide, siehe unter 5.2.) illustrieren.

5. Der praktische Zugang zur Fremdsprache in der PDL

Nachdem wir die Grundorientierung der PDL und ihre dramaturgischen Elemente vorgestellt haben, möchten wir nun ihre konkrete Umsetzung in einem Sprachkurs darstellen, indem wir die Etappen schildern, die die Psychodramaturgie charakterisieren.

Zuerst muss darauf hingewiesen werden, dass in den ersten Tagen eines Intensivkurses mit Anfängern ohne Vorkenntnisse20 die PDL einer genauen Progression mit präzis aufeinander abgestimmten Haupt- und Zwischenübungen folgt, um den TN einen sicheren Rahmen anzubieten, so dass sie zuversichtlich einen ersten „Sprachkern“ in der Fremdsprache bilden können. Von diesem Sprachkern werden sie dann ausgehen, um eigenständig weitere Schritte zu machen21 (siehe Dufeu 2003: 139-186).

Dabei folgt die Sprachdramaturgie einer relationellen Ausdrucksprogression: Sie geht von einem individuellen Ausdruck der TN mit Unterstützung des/der Trainer*in auf eine Begegnung mit dem anderen (Zweierbegegnungen) über, wobei die anderen TN als Unterstützer der Protagonisten immer mehr in diese Zweierbegegnungen miteinbezogen werden. Schließlich werden Aktivitäten eingesetzt, die direkt die ganze Gruppe in das Geschehen einbeziehen (Gruppendramaturgie).

In diesen ersten Grundübungen stellt sich der/die Trainer*in auf jeden einzelnen TN ein und führt ihn in seinem Rhythmus in die Fremdsprache ein.22

Das Doppeln, insbesondere aufgrund der Nähe der Stimme des/der Trainer*in, ermöglicht eine präzise Wahrnehmung und Reproduktion der prosodischen und artikulatorischen Eigenarten der Zielsprache.23 Gruppenübungen, die vornehmlich den Rhythmus und die Melodie der Fremdsprache körperlich erleben lassen, alternieren in diesen ersten Tagen mit individuellen Phasen. Der Einsatz von Bewegungen zur Korrektur der Aussprache,24 die Einbeziehung von Gedichten in Verbindung mit rhythmischen oder melodischen Gesten25 und Verfahren der verbo-tonalen Methode26 tragen zum Erwerb einer korrekten Aussprache bei. Die/der Trainer*in versucht in diesen Zwischenübungen eine positive Beziehung zur Sprache herzustellen, indem die TN u.a. die Schönheit und die Poesie dieser Sprache über ihre Melodie und ihre Klänge erspüren. Die Fremdsprache wird dadurch vertrauter und leichter zu erwerben (die oben unter 1. erwähnte erste Verfremdung wird damit reduziert).

In dieser Einstiegsphase fördern Doppel- und Spiegelübungen u.a. die Entwicklung einer Ich-Sprache auf der realen und imaginären Ebene, sie legen das Fundament für den persönlichen Ausdruck und ermöglichen Kommunikation.

Die Aktivitäten dieser ersten Tage und die individuelle Begleitung des/der Trainer*in dienen u.a. dazu, das Selbstvertrauen der TN beim Erwerb der unbekannten Sprache zu stärken. Die Sprache wird in dieser Anfangsphase nach Maß angeboten und spontan auf die individuellen Bedürfnisse und Reaktionen jedes TN zugeschnitten.

Nach dieser Einstiegsphase in die Fremdsprache, in der die TN zuerst einzeln, dann in Zweierbegegnungen erste Schritte in der Fremdsprache machen, finden Aktivitäten statt, die zu einer Gruppendramaturgie führen; dies bedeutet, dass alle TN direkt am Geschehen mitwirken können. Der/die Trainer*in schlägt dazu eine offene Rahmenaktivität vor, die auf assoziativen, identifikativen, projektiven oder situationellen Prinzipien beruht und die Ausdruckswünsche der TN anregen soll.27

In den folgenden Unterkapiteln wird der allgemeine Verlauf der Aktivitäten der Sprachdramaturgie exemplarisch nachgezeichnet. Die fünf Etappen in Abb. 4 werden wir zunächst mit dem möglichen Verlauf der PDL-Aktivität die Kissen“ illustrieren.28